Gott und Fussball? Fussballgott? Fussball Ersatzreligion?

Fussballrasen_Kreuz<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-hombrechtikon.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>5</div><div class='bid' style='display:none;'>1043</div><div class='usr' style='display:none;'>4</div>

Mit dem Anstoss zum Spiel des Gastgeberlandes gegen Saudi-Arabien beginnt die Fussballweltmeisterschaft 2018. Einen Monat lang werden Millionen Menschen ihren Nachtschlaf opfern, um das Spektakel zu verfolgen. Warum tun sie das?
Andreas Dürr,
Fussball ist doch nur ein Spiel.
Könnte man denken. Ich auch.
Ich finde den ganzen Hype um den runden Ledersack etwas übertrieben.
Klar weiss ich, dass Fussball auch vom Leben erzählt: von dessen schönen Seiten wie von den hässlichen. Von Glück und Unglück, Hoffnung und Resignation. Vom Fallen und vom Aufstehen. Von Siegen und Niederlagen.
Ein Spiel dauert 90 Minuten
Dieser banale und doch treffende Satz wurde vom deutschen Bundestrainer Sepp Herberger ausgesprochen. Wer sich aber für ein paar Momente auf ihn einlässt, entdeckt: Im Fussball geht es zu wie im richtigen Leben. Der Satz führt vor Augen, dass die uns zur Verfügung stehende Zeit begrenzt ist. Psalm 90 formuliert diese existenzielle Wahrheit mit anderen Worten: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre.“
Unsere Zeit ist begrenzt
Der Psalm ist 2500 Jahre alt. Sein Dichter konnte nicht ahnen, dass die Entwicklungen auf dem Gebiet der Ernährung, Hygiene und Medizin die Leben von Menschen um 10 oder 20 Jahre verlängern würden. Aber auch wenn unser Leben 90 Jahre währt oder gar 100, gilt: Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, ist begrenzt. So wie ein Fussballspiel mit dem Anpfiff startet und dem Abpfiff endet, beginnt unser Leben mit der Geburt und stösst im Sterben an seine Grenze. Dann steht das Ergebnis. Dann lässt sich nichts mehr korrigieren.
Dazwischen aber bleibt die Zeit, das (Spiel-)Geschehen zu gestalten. Es kommt darauf an, was wir daraus machen. Wann verhalten wir uns offensiv, wann defensiv? Wie feiern wir Erfolge und wie gehen wir mit Rückschlägen um? Wann stehen wir im Abseits? Spielen wir foul? Sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen, etwa bei einem Penalty, oder verstecken wir uns lieber hinter anderen?

Fussball hat religiöse Züge
Spieler, die beten, sind keine Seltenheit. Fans bezeichnen sich bisweilen als Zeugen von Wundern. Sie feiern die erfahrene Gemeinschaft und sprechen von Erlösung, vor allem wenn der Schlusspfiff mit einem Sieg verbunden ist. Das sind Beispiele für religiöse Züge beim Fussball. Es ist kein Phänomen unserer Gegenwart, dass der Sport von einer Aura des Sakralen umgeben wird. Schon in der Antike waren Stadion und Tempel nicht weit voneinander entfernt, und Statuen wurden sowohl den Göttern als auch den erfolgreichen Wettkämpfern errichtet.
In einer Radioübertragung aus dem Jahre 1954, im Endspiels von Bern schrie der deutsche Kommentator ins Mikrofon: Toni, du bist ein Fussballgott!“ und hob so den deutschen Nationaltorhüter in den Himmel. Viele Christen empfanden das zu dieser Zeit als Blasphemie.


Gibt es einen Fussballgott?
Wir Menschen brauchen Bilder in unserer Sprache, wenn wir über unsere Erfahrungen reden wollen. Auch unser Glaubensbekenntnis beginnt mit einem Bild. Dem Bild vom Vater. Alle Bilder, auf die wir zurückgreifen, sind nur Teilaspekte eines grossen Ganzen.
Paulus schreibt uns dazu ins Stammbuch: „Wir erkennen nur Bruchstücke, und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt“ (1. Korinther 13, 9). Bilder sind Bruchstücke. Darum gehen wir heiter damit um, wenn der „Fussballgott“ beschworen wird. Das Bild interpretiere ich so: Gott hat uns Menschen auch lieb, wenn wir spielen. Spielen zu können, verstehe ich als ein Charisma, eine Gabe Gottes. Fair zu bleiben, im Sieg und in der Niederlage, übrigens auch.
Fußball und Glaube kommen einander manchmal sehr nahe
Ich finde diese Haltung ungemein hilfreich. So kann man dem eigenen Team die Daumen drücken und zugleich sehr entspannt mit den Nachbarn aus anderen Ländern die Weltmeisterschaft verfolgen.
Im 2. Korinther 4, 6–12 steht die Überschrift „Der Sieg des Leben“. So haben sie doch etwas gemein: Die Schriftgelehrten und der Fussballtrainer – die beiden könnten sich einiges erzählen. Und ich staune mal wieder, wie nah sich Fussball und Glaube manchmal kommen.
Autor: Andreas Dürr     Bereitgestellt: 04.06.2018    
aktualisiert mit kirchenweb.ch